Leseempfehlung: Meinungsfreiheit im Zeitalter sozialer Netzwerke

Zeynep Tufekci (Wikipedia, Twitter) hat vor kurzem ein umfangreiches Essay mit dem Titel „It’s the (Democracy-Poisoning) Golden Age of Free Speech“ auf Wired veröffentlicht. Eine absolute Leseempfehlung, vor allem im Kontext der aktuellen Diskussion zur Gefährdung der Meinungsfreiheit in Sozialen Netzwerken. Wer nicht den ganzen Artikel lesen will, findet nachfolgend einige wichtige Aussagen des Essays. Hoffentlich sinngemäß übersetzt und zusammengefasst, kaum aus dem Kontext gerissen und keinesfalls vollständig:

Früher konnte man unerwünschte Meinungen sehr einfach unterdrücken, indem man entweder den Urheber direkt oder den Zugang zu möglichen Verbreitungsmedien (Druck, Radio, Fernsehen) kontrollierte.

Dagegen ist heutzutage – im Zeitalter sozialer Medien – Jeder zugleich Autor, Herausgeber und Multiplikator. Es ist damit unmöglich geworden, den Inhalt auf Konformität oder auch nur Wahrheitsgehalt zu prüfen, um gegebenenfalls eine Veröffentlichung zu verhindern.

Befinden wir uns damit also im goldenen Zeitalter der Meinungsfreiheit („Free Speech“)? Laut Tufekci nur solange man dem, was das eigene Auge („lying eyes“) sieht, vertrauen kann.

Ist der betrachtete Beitrag im Sozialen Netzwerk wirklich das, was er vorgibt zu sein oder ist es eine Fälschung? Sieht den eingestellten Beitrag überhaupt jemand anderes oder geht er in der Unzahl anderer Beiträge einfach unter?

Dies führt zu prekären Situationen wie zum Beispiel während des U.S. Präsidentenwahlkampfes. Fakenews haben hier mehr Benutzerinteraktionen („Engagements“) in Sozialen Medien erzeugt, als die faktenbasierte Berichterstattung der bedeutendsten 19 Nachrichtenagenturen zusammen [1].

Das heißt, um eine andere oder unliebsame Meinung zu unterdrücken, braucht es nur ausreichend konkurrierende Beiträge, die ein signifikant größeres Nutzerinteresse finden. Die durch die Meinungsfreiheit zu schützende Äußerung verschwindet somit – dem Wirkungsprinzip Sozialer Netzwerke folgend – in der Bedeutungslosigkeit und aus dem Sichtfeld der Öffentlichkeit. Dabei musste die kritische Äußerung noch nicht einmal entfernt oder die Veröffentlichung verhindert werden, wie bei der traditionellen Zensur eigentlich üblich.

Tufekci arbeitet auch heraus, dass Soziale Netzwerke schlicht Werbeplattformen sind. Dabei geht es nicht um die bloße Anzeige von Werbung, sondern vor allem um die zielgenaue Auslieferung an die gewünschten Interessensgruppe.

Zu diesem Zweck werden möglichst viele, persönliche Daten der Nutzer angehäuft und in Form detaillierter, benutzerspezifischer Merkmalsprofile zusammengeführt. Diese können durch Werbetreibende zur präzisen Ausrichtung ihre Kampagnen genutzt werden. So kann sicher gestellt werden, dass nicht alle Nutzer die Anzeigen sehen, sondern nur die Untergruppe, die potentiell am ehesten dafür empfänglich ist.

Die individuelle Adressierung verbleibt als Betriebsgeheimnis im Verborgenen, so dass ein Dritter keine Möglichkeit hat, für eine Gegendarstellung („the best cure for bad speech is more speech“) die Empfänger der ursprünglichen Nachricht überhaupt zu erreichen.

Anzeigen müssen auch nicht dem Muster klassischer Produktwerbung folgenden, sondern können genauso Meinungsäußerungen (oder Tatsachenverdrehungen) sein, die als solche nicht von anderen Beiträgen zu unterscheiden sind („dark posts“, [2]).

Eine effektive Zensur ist heutzutage im unmittelbaren Zusammenhang mit der Manipulation von Vertrauenswürdigkeit und Aufmerksamkeit in sozialen Netzwerken zu sehen. Durch die noch dazu sehr begrenzte Anzahl an etablierten Plattformen (Facebook, YouTube und Twitter), auf denen der (scheinbar) öffentliche Diskurs stattfindet, ist dies ein leichtes Spiel.

Auch wenn sie noch keine konkreten Lösungsansätze vorbringt, äußerst Zeynep Tufekci, dass es an der Zeit ist, sich über die Bedeutung der Meinungsfreiheit im goldenen Zeitalter der sozialen Netzwerke ernsthaft Gedanken zu machen. Ursprünglich hatte diese Freiheit als Mittel („vehicle“) gedient, um für eine informierte und lebendige Gesellschaft zu sorgen, um gesunde, rationale Debatten auf informierter Basis zu fördern und um einflussreiche Personen und Institutionen zur Verantwortung ziehen zu können. Heutzutage scheint sie zum bloßen Zweck, also der reinen Meinungsäußerung, verkommen zu sein, ohne ein höheres Ziel zu verfolgen.

Soweit. Wer mehr Details haben und der vollständigen Argumentation von Zeynep Tufekci folgen möchte, sollte unbedingt ihr Essay „It’s the (Democracy-Poisoning) Golden Age of Free Speech“ lesen.

Zusammengefasst scheinen Soziale Netzwerke an sich schon wegen ihrer Wirkungsweise und des zu Grunde liegenden Geschäftsmodells eine Gefahr für den freien und öffentlichen Diskurs zu sein.

[1] „This Analysis Shows How Viral Fake Election News Stories Outperformed Real News On Facebook“ – Craig Silverman (BuzzFeed)
[2] „Inside the Trump Bunker, With Days to Go“ – Joshua Green, Sasha Issenberg (Bloomberg)